Text zu den Arbeiten 1999 -2001
von Markus Schürpf

Auf der Gegenstandsebene greift Mercurius Weisenstein in den gezeigten Arbeiten auf seine Tätigkeit als Oenologe zurück. Alle haben entweder Weinranken oder -beeren zum Ausgangspunkt. Sei es, dass er ganze, z.T. vetrocknete oder angetrocknete Trauben direkt auf den Scanner legt und elektronisch weiterverarbeitet oder vergrösserte Ausschnitte von einzelnen geschrumpften Beeren als Bild- und Gestaltungsvorlagen verwendet. Inhaltlich hingegen führt er in drei verschiedenen, sogar gegensätzlichen Werkgruppen einen tiefgründigen Diskurs über manuelle und technisch-elektronische Möglichkeiten künstlerischer Darstellung. Der gängigen, binären Auffassung von Digitalität, die er in den "Prints" und den "Flachreliefs" ausformuliert, stellt er in den Malereien eine paradoxerweise analoge gegenüber. Auf den ursprünglichen Wortsinn von digital (mit dem Finger) bezogen, bezeichnet er auch diese Werke als digitale. Auf listige Art manövriert er damit †berlegungenüber Sinn und Unsinn technischer Anwendungen aus und lenkt die Aufmerksamkeit auf qualitative Eigenschaften gestalterischer Prozesse.

Prints
Die grafische Verwendung des Computers öffnet ungemeine Möglichkeiten. Mit fotografischer Genauigkeit lassen sich x-beliebige Bilder verarbeiten, generieren, kopieren, animieren, farblich verändern, usw. In der "Print"-Reihe führt Mercurius Weisenstein diese Möglichkeiten nicht nur mustergültig vor Augen. Er treibt mit den ästhetischen Reizen der perfekten Bilder, die er absichtlich strapaziert, gleichzeitig ein doppelbödiges Spiel und entlarvt eingeschliffene Sehgewohnheiten. Alles ist möglich und erzeugbar, bleibt aber immaterielle, ohne Widerstände hergestellte Simulation. Letzter und alleiniger Eingriff des Künstlers bleibt die Selektion, der Entscheid, will ich das überhaupt oder nicht.

Flachreliefs
Mit den Flachreliefs verlässt Mercurius Weisenstein den Bereich eigenbestimmten Arbeitens. Für die digitale Umsetzung fotografischer Vorlagen in CNC-Frästechnik war die langwierige Zusammenarbeit mit Spezialisten nötig. Keinesfalls genaue Wiedergaben räumlicher Abläufe sind die Stücke Umsetzungen von Licht/Schatten-Werten innerhalb weniger Zentimeter Tiefe, wie es seit Jahrhunderten innerhalb der Gattung Flachrelief üblich ist. Mit der Materialwahl (Polyethylen, MDF) verleiht Weisenstein der Darstellungsform neue Aktualität und notabene eine merkwürdige Schönheit. Gleichzeitig demonstriert er, wie der Herstellungsprozess belegt, deren Schwierigkeit. Von der speziellen Problemstellung überrumpelt hatten die Frästechniker etwelche Hindernisse zu überwinden, bis die Stücke in der jetzigen Form vorlagen.

Malerei
(Eitempera/Harzöl) In den traditionell in Eitempera/Harzöl-Mischtechnik gemalten Tafelbildern schaltet Mercurius sämtliche elektronisch-technischen Probleme und Spielmöglichkeiten aus. Er erfährt die vorgegebene Langsamkeit des Prozesses aber dennoch als Befreiung und Vereinfachung, einfach dadurch, dass die Entscheidungen von ihm kontrollierbar sind und er sämtliche Arbeitsschritte selber ausführen kann. Zudem sind die Bilder nicht das Resultat einer Selektion, dem Ausschalten von Varianten, sondern eines planmässigen Vorgehens. Schicht um Schicht wird zwischen wässerigem und öligem Farbauftrag abgewechselt. Dazwischen liegen tagelange Trocknungszeiten. Der Lohn dafür sind farblich nuancierte, in ihrer Schichthaftigkeit vibrierende Malereien, die an altertümliche Faltenwürfe erinnern.

  zurück zur Übersicht